Journalismus zum Abgewöhnen

Walter Lippmann war sich 1922 hoffentlich schon im Klaren darüber, wie sehr viele Journalisten und Redaktionen sich an seine Ursprungsidee des Nachrichtenwerts halten würden. Lippmann teilte den Nachrichtenwert in vier Bereiche ein: Nähe, Prominenz, Überraschung und Konflikt. Wenn ein Journalist sich bei Interviews zu Themen von Interesse jedoch bezüglich seines Partner allein zu Konfliktthemen äußert, dann ist das leicht voraussagbare Ergebnis ein unnötig unangenehmes Gespräch, welches Journalisten abermals als informationsgeile und menschlich nicht voll ausgereifte Lebewesen porträtiert.

Die “Zeit” hat sich vor einigen Tagen mit fragwürdigem Ruhm bekleckert, als sie ein gehaltloses und schlichtweg provokantes Interview zur Frauenfußball-EM in Schweden mit Nationalspielerin Annike Krahn veröffentlichte. Die Stimmung seitens der deutschen Medien gegenüber der Frauenfußballnationalmannschaft Deutschlands war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung  nach “mäßiger” Vorrunde ebenfalls nicht gerade als berauschend zu bezeichnen. Auch deswegen erscheint es vielleicht als ganz normal, dass Sören Maunz sich darauf konzentriert hat ein möglichst unangenehmes Gespräch mit Frau Krahn zu führen.

Zum Hintergrund: die Fußballnationalmannschaft der Frauen ist seit 1989 bereits sieben mal Europameister geworden. Seit 1995 hat man den Titel fünf mal in Folge gewinnen können. Allein 1993 in Italien ging der Titel an die Norwegerinnen. Deutschland ist in Europa dementsprechend das Maß aller Dinge. Aber die Konkurrenz schläft nicht. Frauenfußball ist weltweit professioneller geworden. Die skandinavischen Vertreter Dänemark, Norwegen und Schweden, sowie Frankreich sind spätestens seit 2010 ebenbürtige Gegner für die Deutsche Nationalmannschaft. Von den US-Amerikanerinnen und Japanerinnen mal ganz abgesehen.

Und weil es jetzt nicht so gut aussieht, spricht man nur darüber, wie schlecht doch alles läuft, warum alles falsch gemacht wird und die anderen besser sind. Wenn uns zum Sachlichen oder mit der Mannschaft direkt in Verbindung stehendes nichts mehr einfällt, dann reiten wir auf der ZDF-Sexismus-Werbung-Debatte herum, obwohl Frau Krahn sich nicht dazu äußern möchte.

Via Flickr by miguel

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Am Anfang war die Waschmaschine…

Und sollte sich die Mannschaft in Anbetracht der “schlechten” Leistungen der Mannschaft, doch sowieso nicht besser auf Fußball konzentrieren, Herr Maunz? Wie wäre es mit etwas Konstanz in der Art Ihrer Fragestellungen? Und, ja. Ein klein wenig Patriotismus darf man im Sport schon beweisen. Zumindest ein wenig Glück darf man der Mannschaft wünschen, wenn schon alles so schlecht ist, dass die einzig nicht negativ konnotierte Frage lautet: “Wie hat sich der Frauenfußball verändert?”.

In solchen Momenten fragt man sich ernsthaft, ob ein deutscher Journalist vor einem K.O.-Spiel einer EM/WM der Männer einen Spieler  krampfhaft nach seiner Sexualität und etwaigen Problemen mit dieser konfrontieren würde. Zumindest kann man das herablassende Wort “herumalbern” gebrauchen, wenn man von Frauen und Fußball spricht, wie es scheint und andeuten, dass mal wieder die Ernsthaftigkeit fehlen könnte. Mal ehrlich: wer wäre denn bei solchen Vorwürfen nicht genervt?

Fußballdeutschland würde wohl diesen Journalisten bei einem Ausscheiden (wahrscheinlich aber auch schon so) ganz modern im Stil des 21. Jahrhunderts mit brennenden Fackeln und Mistgabeln erwarten. Nochmals: die Frage selbst ist legitim, da Aktualität, Nähe und Konflikt bestehen, aber als sich selbst auszeichnender Sportfan sollte man wissen, was man Spieler wann fragen kann, wenn man sie nicht aus dem Gleichgewicht bringen möchte.

Wer immer noch nicht glaubt, dass es sich bei Sören Maunz’ Interview mit Annike Krahn um ein Beispiel an Konfliktgeilheit und fehlender Menschlichkeit während eines “Gesprächs” (ich nenne es nur widerwillig so, da es schlichtweg ein pessimistischer Fragenkatalog ist, der hier abgehandelt wird) handelt, der kann jetzt noch die kommentierten Fragen Maunz’ lesen. Anbei sei auch der “Deutschen Akademie für Fußball-Kultur” hämisch gedankt, dass man Mehmet Scholls absolut unnötig respektloses Kommentar gegenüber Mario Gomez als Fußballspruch des Jahres kürte. So lassen wir Anstand, Höflichkeit und Fingerspitzengefühl schön im Morast des Konflikts versickern.

Bam!

Aus einer Präsentation von Dr. Heinz Gerhard (Stellvertretender Leiter der ZDF-Medienforschung) 

Fragenkatalog des Zeit-Interviews mit Annike Krahn (negative Ausdrücke sind hervorgehoben):

ZEIT ONLINE: Frau Krahn, die Vorbereitung lief super, das EM-Turnier bislang nicht. Ein Sieg, ein Unentschieden, eine Niederlage – warum klappt es schon wieder nicht? 

DARANGEHTDIEWELTZUGRUNDE: Das Turnier verlief nicht optimal, aber man war nach zwei Spielen vorzeitig für die Endrunde qualifiziert. Das Spiel gegen Norwegen wurde mit Umstellungen bestritten und hatte keinen sportlichen Wert.

ZEIT ONLINE: Was genau haben Sie denn noch nicht abgerufen?

ZEIT ONLINE: War die Mannschaft verkrampft?

ZEIT ONLINE: Also war es ein Nachteil, schon vor dem Spiel zu wissen, sicher im Viertelfinale zu sein?

ZEIT ONLINE: Können Sie an einer Beobachtung festmachen, dass die Ernsthaftigkeit gefehlt hat?

DGDWZ: Können Sie an diesem Interview festmachen, dass jegliche Sympathie gefehlt hat, Herr Maunz?

ZEIT ONLINE: Zeigt sich bei dieser EM umso klarer, dass die anderen Nationen besser geworden sind?

Krahn: Ja, natürlich ist die Leistungsdichte viel enger geworden. Aber das ist eine Tatsache, die erzählen wir schon seit fünf Jahren. Und irgendwie wurden wir da nie so ganz ernst genommen. (Frau Krahns Antwort sagt alles.)

ZEIT ONLINE: Ist die Ära des deutschen Kraftfußballs endgültig vorbei?

ZEIT ONLINE: Wie hat sich der Frauenfußball verändert?

DGDWZ: Die erste Frage ohne eine negative Konnotation. Aber das einseitige Spracherlebnis geht weiter.

ZEIT ONLINE: Das erste Spiel gegen die Niederlande guckten rund sechs Millionen Deutsche, was wohl auch mit dem Werbespot des ZDF zusammenhing. Der hat hierzulande für Wirbel gesorgt. Was haben Sie davon mitbekommen?

DGDWZ: Also wollen Sie damit sagen, dass niemand das Spiel der Frauenfußballnationalmannschaft geguckt hätte und sich niemand dafür interessiert? Dumm nur, dass die Fakten gegen diese Vermutung sprechen. 2011 waren (Zahlen beruhen auf einer Präsentation von Dr. Heinz Gerhard) fünf der sechs meist gesehenen Fernsehereignisse in Deutschland Spiele der Frauenfußballweltmeisterschaft. Die Zuschauerzahlen schwankten damals zwischen 15,41 und 17,01 Mio. Wenn überhaupt wird nicht genug (positive) Werbung für den Frauenfußball betrieben, um abermals solches Interesse zu erzeugen (siehe oben).

Krahn: Das habe ich nur nebenbei mitbekommen und mich nicht damit beschäftigt. Ich konzentriere mich hier aufs Fußballspielen und alles andere interessiert mich in sehr geringen Maßen.

DGDWZ: Damit könnte man das Thema abhaken, da sich die Spielerinnen schließlich auf das wichtige Spiel gegen Italien vorbereiten sollten… aber nein!

ZEIT ONLINE: Fällt es unter solchen Umständen nicht umso schwerer, sich auf die Spiele zu konzentrieren?

ZEIT ONLINE: Auch nicht, wenn wieder auf dem Rücken der DFB-Frauen eine Sexismus-Debatte ausgetragen wird?

Krahn: Das liegt ja an Ihnen und Ihren Kollegen, die uns immer wieder versuchen, darauf anzusprechen. Mich interessiert es nicht.

ZEIT ONLINE: Also sind Sie genervt?

Krahn: Es nervt mich, wenn Sie mich jetzt weiter danach fragen.

DGDWZ: Und dann hat man bei der “Zeit” noch den Nerv diese Aussage als “Überschrift” zu wählen.

ZEIT ONLINE: Ist die gute Stimmung, die Lockerheit nach der schwierigen Gruppenphase jetzt dahin?

ZEIT ONLINE: Fürchten Sie nach den bisherigen Spielen, dass die Mannschaft der nervlichen Belastung eines Alles-oder-nichts-Spiels nicht standhält?

ZEIT ONLINE: Obwohl Sie so viele junge Spielerinnen haben?

DGDWZ: Wirklich? Das ist die letzte Frage?

Via Flicker by Thomas Rodenbücher

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Wenn man Annike Krahn als echten Gesprächspartner behandelt, kann sie auch freundlich und informativ. Zu einem Interview gehören allerdings immer mindestens zwei…

Wir fassen zusammen: Die jungen Spielerinnen haben allesamt ein schwaches Nervenkostüm, die gute Laune könnte dahin sein, die VON DEN MEDIEN auf die Mannschaft gezwungene Sexismusdebatte sorgt für Konzentrationsschwierigkeiten, die anderen sind besser geworden und in Deutschland ist eine Ära zu Ende gegangen, man ist verkrampft, ruft nicht alles ab und als Sahnehäubchen könnte man meinen, dass die Ernsthaftigkeit fehlt.

Da kann man ja nur noch zum Strick greifen und dem Trauerspiel ein Ende machen! Wenn ein Interview ein solch negatives Bild auf die Frauennationalmannschaft wirft, dann ist es vielleicht ganz gut, dass das temporäre Interesse der Medien an der Frauennationalmannschaft sich auf die Sommerlöcher beschränkt. Kaum auszudenken, wie viele negativ konnotierte Fragen die Sören Maunzes dieser Nation noch für die Mannschaft parat hätten, ohne auch nur eine menschliche oder freundliche Frage einzuschieben. Manch einer mag diese hier dargestellte Form von Journalismus effizient nennen. Ich empfinde sie als takt- und respektlos gegenüber dem jeweiligen Gesprächspartner.

 

 

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